Samstag, 29. August 2015

Näher herangehen

#bloggerfuerfluechtlinge

"Als wir ankamen waren wir fremd. Niemand wollte uns haben. Wir kleideten uns anders, sprachen anders. Die Kinder haben mich verprügelt, ich musste lernen durchzukommen." Es ist eine Geschichte vom Verlust der Heimat und von der Brutalität eines Neuanfangs in der Fremde, obwohl diese Fremde die Rhön war und gerade einmal 450 Kilometer entfernt lag von der Hauptstadt Berlin, die brannte. Das war in den 40er Jahren und es ist die Geschichte unserer Mutter, Schwiergermutter und Oma. Es ist die Geschichte so vieler Omas und Opas.


Was würde ich tun?

Was würde ich tun, wenn meine Familie in Gefahr gerät? Wenn Angst den Alltag bestimmt und zwar ganz real und nicht nur in meinen Albträumen? Ich würde die Koffer packen und mein Kind rausbringen aus dieser Situation. Ganz weit weg ans Ende der Welt oder gleich zum Mond. Natürlich mit Flugzeug und Rakete und nicht zusammengepfercht im Inneren eines löchrigen Kutters oder unter der Bodenplatte eines Uralt-Lasters... So etwas liegt jenseits meiner Vorstellung.

Als Journalistin habe ich mit Flüchtlingen zu tun. Sie kommen aus Albanien, Syrien, Sri Lanka, aus dem Irak, der Türkei und Russland. Es sind intensive Begegnungen, lange Gespräche. Damit ich ihren Weg nachzuvollziehen kann, ihre Beweggründe begreife und ihre Hoffnungen verstehe. Damit ich ihre Geschichte erzählen kann. Es sind allesamt Ausnahme-Menschen, starke Persönlichkeiten, zielstrebig, anpassungsfähig, mit dem unbedingten Willen weiterzukommen. Aufgeben ist keine Option. Ich bewundere diese Kraft. Ich glaube, ich hätte sie nicht.

Man macht sich Sorgen

Und dann spreche ich mit Menschen aus Deutschland. Nicht beste Freunde, aber doch Bekannte, Nachbarn, der Frisör, die Heilpraktikerin. Keiner von ihnen hat jemals eine Deutschlandflagge geschwenkt, höchstens bei der WM. Aber da sind Ängste. Man macht sich Sorgen. Zum Beispiel um die innere Sicherheit, die nicht etwa durch Brandstifter gefährdet ist, sondern durch Menschen in Flüchtlingsheimen, die sich über das Essen beschweren. Man ärgert sich. Über Asylbewerber, die ein Smartfone in der Hand halten. Wie kann so was sein, wo es doch Asylbewerber sind? Man selber hat ja auch nur ein altes Nokia.

Alle, die da ankommen sind fremd. Nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung meint jeder Dritte, Deutschland sei in gefährlichem Maß überfremdet. Und dass das Fremde Angst macht, ist ganz normal, habe ich damals ins Sozialpsychologie gelernt. Vielleicht empfinde ich anders, weil mir einige Flüchtlinge nicht mehr fremd sind und ich von ihnen auf die anderen schließe. Weil ich gute Erfahrungen gemacht habe und beim näheren Herangehen nicht nur Unterschiede, sondern mehr Verbindendes gefunden habe, als gedacht.

Was sage ich dem Kinde?

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Was bedeutet das nun für mich als Mutter? Was will ich meiner Tochter mitgeben? Versuche näher heranzugehen, bevor du urteilst! Bald ziehen wir um. Ein paar Meter von unserem neuen Wohnort entfernt liegt ein Flüchtlingsheim. Wir werden quasi Nachbarn. Sicher werden auch Flüchtlingskinder in den Kindergarten gehen, wahrscheinlich auch in die Schule. Ich hoffe es sogar. Vielleicht erlebt meine Tochter dann Folgendes: Samira ist voll doof. Charlotte auch. Aber mit Ronja kann man super spielen und mit Nesrin erst recht.

Der kleine Niklas hier bringt es auf den Punkt.

Heute mal nachdenklich...

Eure Nachbarin

Die Aktion #BloggerfuerFluechtlinge möchte Nähe, Toleranz und Aufmerksamkeit schaffen. Und sie will Spenden sammeln für die Menschen, die aktuell vor Krieg und Hunger in unser Land fliehen und unsere Hilfe benötigen.

 

Kommentare:

  1. Es fällt schwer sich in diese Fremden hineinzuversetzen die da plötzlich wo sind "wo sie nicht hingehören". Da sitzen die dann in Gruppen herum, und spielen auf ihren Handys. Nur wenn man seine initiale Vorsicht (die im allgemeinen eine gute Sache ist) mit ein bisschen Nachdenken anreichert erkennt man. Die sitzen da nicht "faul" herum sondern weil es entweder nichts zu tun gibt oder man sich in der Gruppe in diesem für sie fernen und fremden Land sicherer fühlt. Und die Smartphones sind nicht Regierungs-Iphones sondern entweder selbst mitgebracht (denn die Flüchtlinge sind keineswegs alles "Arme" sondern auch Ärzte, Anwälte und Manager) oder durch die großzügigen Spenden aus der Bevölkerung. Mit dem Handy wird nicht (immer :) ) Fruit-Ninja gespielt sondern es ist der einzige Kontakt in die Heimat und den dort verbliebenen Verwandten.

    Vegis220

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    1. Ja, genauso ist es. Im Smartphone steckt oft das ganze Leben. Die Kontakte, die Kommunikation, die Möglichkeit sich zu informieren und natürlich auch Zerstreuung. Flüchtlinge schleppen keinen Laptop mit, den sie zu Hause sicherlich auch haben. Sie bringen ihr Handy. Wer von uns würde bei einer Flucht das Handy zurücklassen? Und man muss sich ohnehin fragen, was wollen wir: Lumpige Gestalten mit Handkarren, die gebrochen und erschöpft am Wegesrand sitzen, weil das dem klassischen Flüchtlingsbild entspricht? Oder Menschen auf Augenhöhe, die Potential mitbringen. Für unser Land, wenn sie dürfen, und für ihr eigenes - irgendwann.

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  2. Danke, für dein berührendes Posting, liebe Nachbarin! Natürlich mache auch ich mir Gedanken. Und sehe es wie du: Wenn ich es schaffe, Söhnchen zu vermitteln, dass "näher ran gehen und erst mal gucken" sehr viel mehr Sinn macht - und zu sehr bereichernden Begegnungen/Erfahrungen führen kann - als im stillen Kämmerlein Angst zu haben - dann waren wir klasse :) Ich würde lügen, wenn ich sagte: "Hey, prima, ganz doll viele Flüchtlinge hier." Doch mein Beweggrund ist der, dass es mich bestürzt, dass diese Menschen flüchten MÜSSEN, das die sog. "Welt"politik hier versagt, weil sie diese Menschen nicht zu Hause schützen kann... Ich hätte gerne einen großen Spielplatz gegenüber der Eisdiele. Doch es ist selbstverständlich wichtiger, Lebensraum zu erschaffen für Menschen dieses Planeten! Es ist für mich selbstverständlich zu helfen, wo wir können und Söhnchen zu erklären, wie gut wir es hier haben und das das nicht überall so ist. Es wird unser Leben sicher bereichern!
    Ich wünschte, die Regierung würde sich AUCH darauf ausrichten, den Menschen ihre (Berührungs-)Ängste zu nehmen!

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    1. Ja, ich glaube auch, dass gerade die Politik sehr daran mitarbeitet, Ängste zu schüren. Es braucht gute Konzepte und verständliche Aufklärung, die beim Bürger ankommt. Das Thema ist ja nun nicht neu. Wir haben schon vor 20 Jahren in der Schule gelernt, dass es mal so kommen wird. Niemand ist begeistert über Flüchtlinge. Unsereins vom bequemen Sessel aus nicht und die Flüchtlinge selbst in ihrer derzeitigen Lebenssituation garantiert noch weniger. Man kann es als sozialromantische Verklärung abtun, aber ich denke, auch der Großteil der vielbeschimpften Wirtschaftsflüchtlinge, kommt aus einer Situation, die nicht mehr lebenswert war. Vielleicht würde eine Alieninvasion helfen, uns daran zu erinnern, dass wir nicht nur Deutsche, Syrer und Mazedonier sind, sondern schlussendlich auch eine Welt.

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Danke für Deinen Kommentar. Ich werde ihn baldmöglichst freigeben.